Gedenkstein für den Grafen Walbert in der Stiftskirche in Vreden. Der in der Inschrift „Hier, Graf Walbert, bist Du bestattet und beschützt das Gotteshaus, selbst Wächter des Ortes durch Deine heiligen Gebeine.“ als Gründer benannte Graf Walbert wurde seit dem 17. Jahrhundert mit dem gleichnamigen Enkel Widukinds identifiziert. Fotoarchiv Heimatverein Vreden Nr. 623c, Foto Anton Esseling, 1972.
Gedenkstein für den Grafen Walbert

Vreden und Widukind

Volker Tschuschke│28.09.2016

Vreden – die „Widukindstadt“
Das Jahr 1945 bezeichnet eine Zeitenwende in der jüngeren deutschen Geschichte. Nach dem verlorenen Weltkrieg ging es um den Wiederaufbau Deutschlands, materiell aber auch ideell, und wie so oft in Krisenzeiten suchte man nach Orientierung in der Vergangenheit. Das galt wie für das ganze Land ebenso für einzelne Orte wie Vreden, das damals angesichts der bedrückenden Erfahrungen von NS-Herrschaft und Krieg aber auch der unsicheren Gegenwart nach Halt suchte. In dieser Zeit wurde der Begriff der „Widukindstadt“ Vreden geprägt.

Schon in einer Resolution gegen die niederländischen Gebietsforderungen vom 13. November 1947 berief man sich darauf, Vreden sei „urdeutsches Land, das einst dem Sachsenherzog Widukind gehört hat“. Widukind wurde zum Namenspatron für das „Widukindstadion“ (1950) und die „Widukindstraße“ (1958). Ganz besonders aber fand der Begriff „Widukindstadt“ in Abgrenzung zur „Töpferstadt“ Stadtlohn und der „Glockenstadt“ Gescher seinen Niederschlag in der Presse und der Fremdenverkehrswerbung. Otto Andreas Schreiber – der allerdings gleichzeitig in seinen „Berkelglossen“ über die Widukindmanie schmunzelte – verfasste 1952 eine Werbebroschüre mit dem Titel „Vreden, die verträumte Stadt an der holländischen Grenze, die Stadt Widukinds, des Stiftes und der Krypten“. Noch 1976 warb Vreden damit, hier befand „sich einst ein Haupthof des großen Sachsenherzogs Widukind, hier gründete der Widukindenkel Walbert … ein Damenstift“.

Ausgrabungen in Vreden
Der unmittelbare Anlass für diese bis Anfang der 1980er Jahre nachwirkende Widukindbegeisterung der Nachkriegszeit mögen die aufsehenerregenden Ausgrabungen der Jahre 1949 bis 1951 gewesen sein, als unter der kriegszerstörten Pfarrkirche St. Georg mehrere Vorgängerbauten ausgegraben wurden. Sie reichten zurück bis in die Zeit der Überführung der Reliquien der hll. Felicissimus, Agapitus und Felicitas nach Vreden 839, und im Hinblick auf noch ältere Pfostenreste stellte der Ausgräber Wilhelm Winkelmann die Frage: „War dies der Hofraum des Widukind’schen Hofes?“

Aufruf Bischof Clemens August Graf von Galen in Vreden
An ebendieser Stelle hatte gut zehn Jahre zuvor Bischof Clemens August Graf von Galen am 17. November 1937 in einer seiner berühmten Predigten die Vredener und Vredenerinnen angesichts der Anfeindungen des Nationalsozialismus zur Standhaftigkeit im katholischen Glauben ermahnt und sie dazu auf das Vorbild ihrer Vorfahren, der „Schild- und Schwertgenossen jener treudeutschen Männer“, nämlich „des großen Sachsenherzogs Widukind“, „Wikbert[s], sein[es] Sohn[es], und Walbert [s], sein[es] Enkel[s], die Stift und Kirche bauten“, verpflichtet.

Mit der Identifizierung des Gründers des Stiftes Vreden, des Grafen Walbert, mit dem gleichnamigen Enkel Widukinds, hatten von Galen und Winkelmann ebenso wie später Schreiber eine These aufgegriffen, die der aus Heek gebürtige Jesuitenpater Nikolaus Schaten († 1676) entwickelt und die sich im gelehrten Diskurs um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert zur Gewissheit verdichtet hatte.

 

Dr. Volker Tschuschke ist Mitarbeiter im kult und leitet hauptverantwortlich den Bereich des Landeskundlichen Instituts.

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