Dank der Digitalisierung können unter anderem die Kreistagsprotokolle des Landkreises Ahaus bequem von zu Hause angeschaut werden.
Digitalisierte Kreistagsprotokolle
Die jetzt digitalisierten Kreistags- und Kreisausschussprotokolle spiegeln die Tätigkeit dieser Gremien wider. Hier der Kreistag des Kreises Borken bei der Einweihung des neuen Kreishauses am 10. Oktober 1908. Foto: Kreisarchiv Borken, Bildarchiv.
Einweihung des neuen Kreishauses im Kreis Borken am 10. Oktober 1908
Der Kreistag des Kreises Ahaus am 27. Juni 1914 aus Anlass der 60-jährigen Zugehörigkeit des Grafen Droste-Vischering Erbdroste zum Kreistag. Ob die Kreistagsmitgliedern ahnten, dass nur wenige Wochen später der Erste Weltkrieg beginnen würde? Foto: Kreisarchiv Borken, Bildarchiv.
Der Kreistag des Kreises Ahaus am 27. Juni 1914
Digitalisat des Kreistagsprotokollbuches des Kreises Ahaus. Darin befindet sich diese im Winter 1916/17 an „Seine Majestät“ im Großen Hauptquartier gerichtete Adresse, in der der Kreistag dem Kaiser seine „unwandelbare Treue“ während des Krieges versichert. Kreisarchiv Borken, AH 02-2. Foto: LWL-Archivamt für Westfalen.
Digitalisat des Kreistagsprotokollbuches des Kreises Ahaus.

Vernetzte Zeiten – auch im Archiv

Dr. Volker Tschuschke ǀ 25.03.2015

Eine alte Juristenweisheit besagt; „Quod non est in actis, non est in mundo – Was nicht in den Akten steht, ist nicht in der Welt.“ Heute müsste sie eigentlich lauten: „Quod non est in rete, non est in mundo!“, also was nicht im Netz steht, das existiert eigentlich gar nicht. Das hat der Historiker Bastian Gillner vor einigen Jahren treffend festgestellt.

Viele Forscherinnen und Forscher haben den Wunsch, Dokumente zu Hause am PC benutzen zu können, ohne dafür die Archive besuchen zu müssen. Gerade kleineren Archiven fällt es schwer, sich den veränderten Nutzungsgewohnheiten anzupassen: wenig Geld und wenig Personal. Wie sollen die Akten da ins Netz kommen?

Gefördertes Pilotprojekt
Einen Ausweg bietet  ein von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördertes und dem LWL-Archivamt für Westfalen betreutes Pilotprojekt. Daran hat sich aus dem Westmünsterland neben dem Stadtarchiv Ahaus auch das Kreisarchiv Borken beteiligt.

Natürlich konnten nicht alle Unterlagen digitalisiert werden, doch immerhin 25 zentrale Quellen: die Kreistags- und Kreisausschussprotokolle der Landkreise Ahaus und Borken von 1882 bis 1952.

Prüfen, vorbereiten und scannen
Damit zusammenbleibt was zusammengehört und Online-Nutzer in den Beständen möglichst schnell fündig werden, waren einige Vorarbeiten zu erledigen. So wurden Seitenzahlen eingestempelt und für jeden Sitzungstermin Streifen mit der Projektnummer unseres Archivs, der Signatur des betreffenden Bandes und dem Datum der Sitzung eingelegt.

Im August 2014 konnten wir schließlich 25 Protokollbände mit insgesamt etwa 5000 Seiten beim Archivamt abgeben. Während die Bände gescannt wurden, kümmerten wir uns um die Aufbereitung der Findbücher. Die sollten nämlich ebenfalls ins Netz, denn darüber erfolgt der Zugriff auf die digitalisierten Protokollbücher.

Außerdem wurden in enger Abstimmung mit dem Archivamt und unserer EDV-Abteilung die technischen Voraussetzungen eingerichtet.

Zur Jahreswende 2014/15 war es dann endlich soweit: Mitte Dezember 2014 bekamen wir unsere kostbaren Originale aus Münster zurück und Mitte Januar 2015 konnten die Digitalisate freigeschaltet werden.

Genutzt werden können sie über www.archive.nrw.de. Interessierte können sich von dort bis zu den Beständen BOR 01 und AH 02 des Kreisarchivs Borken „durchhangeln“.

Der Erste Weltkrieg und eine Kaiserbüste
Aber Sitzungsprotokolle der Kreistage und Kreisausschüsse – ist das denn nicht furchtbar langweilig? Sicher werden sich nicht alle dafür interessieren, wenn z. B. über eine Kapitalerhöhung bei der Westfälischen Nordbahn oder die Anstellung eines Straßenwärters beraten wurde, aber gerade die Vielfalt macht’s. 

Vor dem Hintergrund, dass in die Zeit unseres Projektes der 100. Jahrestag des Beginns des Ersten Weltkrieges am 1. August 1914 fiel, sind die den Krieg betreffenden Eintragungen besonders interessant.

Erstaunlicherweise nahm der  Kreistag Ahaus vom Krieg anfangs kaum Notiz  und hielt noch im Herbst 1914 die Bevorratung von Lebensmitteln für unnötig. Man glaubte eben Weihnachten sei der Krieg gewonnen. Schon 1915 sah das ganz anders aus, und die Ernährungs- und Versorgungslage war bis Kriegsende das alles beherrschende Thema der Beratungen.

Spannend ist auch, dass man sich in Ahaus auch nach dem Ende des Krieges und der Proklamation der Republik nur schlecht vom Kaiser trennen konnte.

Noch 1922 stand die Kaiserbüste auf ihrem Platz im Kreishaus und wurde erst am 27. Juni bei einer Demonstration gewaltsam entfernt. Die Kreistags- und Kreisausschussprotokolle berichten ausführlich darüber.

Dr. Volker Tschuschke ist Historiker und gehört zum Team des Kulturhistorischen Zentrums. Er hofft, dass die „Vernetzung“ der Bestände weitere Nutzerinnen und Nutzer lockt.

 

 

 

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