Papier mag es nicht gern sauer

Papierrestauratorin Sabrina Heumüller erläutert Hildegard Nagel und Renate Volks-Kuhlmann vom Archiv des Kreises Borken die Einzelschritte bei der Restaurierung und Entsäuerung der Quellen. Foto: Martin Ehling, Kreis Borken
Papierrestauratorin Sabrina Heumüller erläutert Hildegard Nagel und Renate Volks-Kuhlmann vom Archiv des Kreises Borken die Einzelschritte bei der Restaurierung und Entsäuerung der Quellen.
Renate Volks-Kuhlmann ǀ 14.01.2015

Historische Dokumente dauerhaft zu erhalten, zu sichern und für die Forschung zur Verfügung zu stellen ist eine wesentliche Aufgabe des neuen Kulturhistorischen Zentrums. Das Papier, auf dem diese historisch und rechtlich bedeutsamen Vorgänge niedergeschrieben wurden, altert. Dabei ist Papier aus früheren Jahrhunderten grundsätzlich erstaunlich lange haltbar, sofern die klimatischen Bedingungen stimmen. Aber es gibt auch Ausnahmen. Und dann sind besondere Maßnahmen erforderlich.

Bei Papier aus der Zeit von 1840 bis 1970 ist die Alterungsbeständigkeit wesentlich geringer als bei Papieren aus früheren Jahren. Grund ist ein verändertes Verfahren bei der Papierproduktion. Im Rahmen der Landesinitiative „Substanzerhalt von nichtstaatlichem Archivgut“ sind jetzt Archivalien des früheren Kreisausschusses Ahaus aus der Zeit von 1855 bis 1946 im Zentrum für Bucherhaltung in Leipzig entsäuert und mit einem Kalziumcarbonatpuffer versehen worden. Der Alterungsprozess soll dadurch verlangsamt werden und das Papier bis zu 300 Jahre geschützt sein.

Sabrina Heumüller, Papierrestauratorin beim LWL-Archivamt für Westfalen, hat die Archivalien aus dem früheren Landkreis Ahaus jetzt ins Kreisarchiv zurückgebracht. Für das Jahr 2015 ist die Entsäuerung und Restaurierung der Quellen des ehemaligen Landkreises Borken von 1820 bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges geplant. Damit sind Aktenvermerke, Berichte, Planungen und Vorgänge dauerhaft für die Forschung nutzbar.

Papiermangel macht erfinderisch

Papier wurde bis ca. 1840 aus dem Rohstoff Hadern hergestellt. Man sammelte Lumpen, diese wurden zerkleinert, gereinigt und angefault. Dann mischte man die aufbereiteten Fasern mit Wasser und schöpfte von Hand große Bütten. Nachdem um das Jahr 1800 die maschinelle Herstellung von Papier mit der Erfindung der Papiermaschinen ihren Anfang nahm, war der Bedarf an Papierrohstoff rasch so groß, dass nach Alternativen zu den Lumpen gesucht werden musste.

Eine davon war Holz. Dieses wurde zu Holzschliff, das heißt mechanisch zerrissenem Holz, und Zellstoff verarbeitet. Die daraus entstehende Masse wurde dann mit Leim vermengt, damit alle nötigen Arbeitsgänge für glattes beschreibbares Papier in einer Maschine ablaufen konnten. Die Leimung des Papiers macht dieses im wörtlichen Sinne sauer. Zudem wird das Papier durch die Verwendung von Holzschliff, in dem noch Lignin vorhanden ist, schnell brüchig und gelb wie z.B. eine Zeitung, die auf der Fensterbank in der Sonne gelegen hat. Holzschliff wurde vor allen Dingen für „Wegwerfartikel“ wie Zeitungen, Flugblätter, Broschüren und Plakate verwendet. Heute jedoch sind solche Druckerzeugnisse unter Umständen von großem historischem Interesse und ihre Aufbewahrung und Erhaltung erfordern Wissen und auch Kapital.

Säure neutralisieren

Im Zentrum für Bucherhaltung in Leipzig wurde die im Papier enthaltene Säure neutralisiert, indem das Papier in einer Base getränkt wurde. Dadurch wird ein alkalischer Puffer eingebracht, um den Abbau des Papieres zu verlangsamen oder zumindest deutlich zu verzögern. Das Entsäuerungsmittel besteht aus Magnesiumoxid und Calciumcarbonat. Während der Behandlung dringt es in das Papier ein und neutralisiert die Säure. Ein Überschuss bleibt im Papier und bildet eine sogenannte alkalische Reserve. Dieses sogenannte ZFB:2-Verfahren ist das erste Flüssigverfahren, bei dem das besonders mild wirkende Calciumcarbonat eingesetzt wird.

Die in diesem Zusammenhang entstehenden Kosten werden mit 70% vom Land bezuschusst. Die Landesinitiative wurde 2006 vom damaligen Ministerpräsidenten Rüttgers in Leben gerufen. Sie ist gedacht als Maßnahme zur Entsäuerung von kommunalem Schriftgut aus den Kreis-, Stadt- und Gemeindarchiven. Organisatorisch ist sie bei den Archivberatungsstellen der Landschaftsverbände angeschlossen. Vom Landschaftsverband Westfalen-Lippe in Münster aus organisieren die für das Projekt eingestellten Restauratorinnen den Ablauf. Sabrina Heumüller und Gabriele Rothkegel wählen das für die Massenentsäuerung von Archivgut in Westfalen-Lippe infrage kommende Archivgut aus und führen nach der Rückkehr der Papiere aus Leipzig eine Qualitätskontrolle durch.

Renate Volks-Kuhlmann arbeitet als Archivarin beim Kreis Borken und hofft, dass die Archivalien nun dauerhaft vor „Säurefraß“ gerettet sind.
Ein Schriftstück aus dem Jahr 1899 nach der Entsäuerung. Foto: Martin Ehling, Kreis Borken
Ein Schriftstück aus dem Jahr 1899 nach der Entsäuerung.
Die Rückgabe der entsäuerten Papiere wird einzeln geprüft und protokolliert. Foto: Martin Ehling, Kreis Borken
Die Rückgabe der entsäuerten Papiere wird einzeln geprüft und protokolliert.

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