Tugendkreuzigung als Stickereimotiv auf der Rückseite des Gewandes.
Foto: Werkstatt Heitmeyer-Löns
Stickerei auf der Rückseite
Die Figuren sind durch aufgenähte goldene Buchstaben benannt. Foto: Werkstatt Heitmeyer-Löns
Figuren
Kostbare Ausführung: Flussperlen und farbige Glasperlchen auf Leinengrund. Foto: Werkstatt Heitmeyer-Löns
Kostbare Perlen

„Raus aus dem Schattendasein“ – Die Perlenkasel

Sabine Heitmeyer-Löns ǀ 30.10.2015
 
Ein Highlight der neuen Dauerausstellung ist die Perlenkasel mit ihrer kostbaren Perlstickerei aus dem 14. Jahrhundert. Mit weiteren sakralen Gewändern aus den Zeiten des hochadeligen Frauenstifts St. Felicitas in Vreden war sie viele Jahre in der Paramentenkammer im Untergeschoss des damaligen Hamaland-Museums ausgestellt. Doch zur Geltung kam sie neben dem ältesten erhalten Messgewand, der Sixtus-Kasel nicht. Aktuell erfährt sie als Leihgabe in der Ausstellung „CARITAS“ im Diözesanmuseum Paderborn eine besondere Würdigung. Grund genug sich einmal genauer mit der Perlenkasel und ihren Stickereien zu befassen.

Tugendkreuzigung als Stickereimotiv
Die Stickereien auf der Rückseite des Gewandes zeigen das Motiv der Tugendkreuzigung – die einzige erhaltene bekannte Darstellung auf Textil, da ein solches Motiv sonst nur von Altären oder aus Fensterdarstellungen bekannt ist.

Die Mittelachse bildet der Stamm eines Baumkreuzes mit dem Corpus Christi im oberen Drittel, das unten aus dem Rücken eines Löwen hervorgeht und an dessen Spitze sich ein Pelikan befindet. Beides Symbole für das ewige Leben durch Christus. Daneben befinden sich paarweise zuunterst die Trauernden Maria und Johannes. Die personifizierten Tugenden sind darüber angeordnet. Sie sind mit den Leidenswerkzeugen an der Kreuzigung beteiligt. Symbolisch verweisen sie damit darauf, dass die Missachtung der von Christus gelebten Tugenden seinen Kreuzestod verursacht hat. Die Figuren sind durch aufgenähte goldene Buchstaben benannt.

Kostbare Ausführung
So einzigartig wie das Motiv, so kostbar ist die Ausführung. Die Stickerei ist überwiegend aus dicht an dicht auf einen Leinengrund aufgenähten Flussperlen gefertigt. Für Muster und Linien verwendete man farbige Glasperlchen. Kronen und Heiligenscheine der Figuren, ein Teil der Leidenswerkzeuge, die Eicheln sowie die Buchstaben bestehen aus vergoldetem Silberblech.
Flussperlen wie die hier verwendeten gewann man im Norden Deutschlands vor allem aus Muscheln, die man in den Bächen der Tiefebene zwischen Elbe und Aller in der Lüneburger Heide fischte.

Übertragung der Stickerei auf ein neues Messgewand
Der kostbare rote Seidensamt scheint wie geschaffen, um den Glanz des Goldes und der Perlen zu unterstreichen. Stoffe und Gewandformen sahen zur Zeit der Fertigung jedoch anders aus: die bekannten Seidengewebe des 14. Jahrhunderts waren zumeist groß gemustert. In ihrer Farbigkeit waren sie eher hell, oft mit eingewebten Gold- und Silberfäden von zartem Schimmer.

Die Form der Gewänder zeigte damals noch die Verwandtschaft zur Glockenkasel, also der aus einem Halbkreis geschnittenen Form. Allerdings war im 14. Jh. die Glockenform an den Seiten mehr oder weniger stark beschnitten. Immer noch hing aber der Stoff des Gewandes weit an den Armen herab.

Später hat man die Stickerei auf ein Messgewand in Form der sog. Bassgeigenkasel übertragen. Der schmale Schnitt wurde im Konzil von Trient (1545 – 1563) festgeschrieben und veränderte sich in den folgenden 300 Jahren kaum.

Der relativ breite Rücken des Vredener Gewandes, das charakteristische blaue Leinenfutter wie vor allem auch der sehr edle, ehemals äußerst teure dunkelrote Seidensamt lassen die Entstehung der Kasel in der jetzigen Form in der Zeit um 1700 vermuten. Mit ihren unverändert erhaltenen Handnähten verdient auch die originale Montage dieses späteren Gewandes besondere Beachtung.


Sabine Heitmeyer-Löns, Textilrestauratorin aus Havixbeck, unterstützt das Team des Kulturhistorischen Zentrums beim Umgang mit den wertvollen Textilien.

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