Veröffentlichungen zu Landwehren in Westfalen. Foto: Kreis Borken
Karte und Bücher
Spuren einer Landwehr bei Vreden. Foto: Kreis Borken
Landwehr

Landwehren

Dr. Volker Tschuschke │ 02.02.2017

Begriff
„Landwehr“ – unter diesem Begriff können sich heute nur die wenigsten Menschen etwas vorstellen. Noch vor hundert Jahren, im Ersten Weltkrieg (1914-1918), war die Landwehr ein Aufgebot, das im Mobilmachungsfall das stehende Heer ergänzte. In diesem Sinne war die Landwehr 1813 während der Befreiungskriege gegen Napoleon eingeführt worden. Der preußische Generalleutnant Gerhard von Scharnhorst (1755-1813) hatte damit an die Bedeutung angeknüpft, die der Begriff „Landwehr“ zur Zeit Karls des Großen (reg. 768-814) ursprünglich gehabt hatte: Das Aufgebot der wehrfähigen Männer eines bestimmten Gebietes.

Bauweise
Erst im Hochmittelalter wandelte sich der Bedeutungsinhalt zu einer Anlage zur Verteidigung eines Gebietes. Diese Bezirke konnten verschiedener Art und Größe sein. Es gab Landwehren, die ganze Territorien umgaben, und solche, die nur einzelne Gerichts- oder Kirchspiele einschlossen, also kirchliche Pfarrsprengel, die im Mittelalter und der Frühneuzeit zugleich weltliche Verwaltungsbezirke waren. Je nach Landesnatur waren die Landwehren unterschiedlich angelegt. Das zeigt auch ein Blick auf den Kreis Borken: Die Biilehorster und die Kleewsche Lantweer bei Isselburg und Werth sind dem wasserreichen Naturraum am Niederrhein entsprechend als ständig wasserführende Gräben angelegt. Die ebenfalls teilweise erhaltene Münstersche Landwehr bei Oeding und die Vredener Kirchspielslandwehr bestehen dagegen aus Wällen und Gräben. Diese Gräben waren in der Regel trocken, während die aus dem Grabenaushub aufgeschütteten Wälle mit dichten Dornenhecken bepflanzt waren. Nur da, wo Straßen kreuzten, gab es Durchlässe, die mit Schlagbäumen verschlossen und, wie es etwa in Ahaus zu beobachten war, besonders gesichert wurden.

Aufgaben und Funktion
Auch wenn derartige Landwehren teilweise später als Grenzmarkierungen angesehen wurden, verliefen sie meist nicht auf den tatsächlichen Kirchspiels- oder Landesgrenzen. Stattdessen beschränkte man sich auf den Schutz des intensiv bewirtschafteten, oft als „Binnenfeld“ bezeichneten Ackerlandes, während die als Viehweide, für das Plaggenmähen und den Torfstich extensiv genutzten Marken außen vor blieben. Solange die militärischen Aufgebote relativ klein blieben und die Verteidiger sich darauf beschränken konnten, die wenigen Durchlässe zu besetzen, konnten die Landwehren den ihnen zugedachten Zweck erfüllen. Erst als um 1500 viele tausend Mann starke Heere aufkamen, verloren sie ihre Schutzfunktion. Nach und nach wurde ihre Pflege vernachlässigt, und schon damals wurden Teile zu Ackerland planiert. Vor allem seitdem im 19. Jahrhundert die bis dahin unkultivierten Heiden urbar gemacht wurden, verschwanden viele Landwehren von der Bildfläche.

Landwehrforschung
Mit den ebenfalls in diese Zeit fallenden ersten exakten topographischen Kartenaufnahmen seit 1842 erwachte aber auch das Interesse an den Landwehren neu. Dem Geist jener Zeit entsprechend interpretierte man sie oft als „vaterländische“, d.h. germanische „Altertümer“ oder aber als Römerstraßen. Erst am Ende des Jahrhunderts kam man zu vertieften Einsichten zu Zeitstellung und Funktion der Landwehren, und gerade im Kreis Borken wurden dazu Pionierleistungen erbracht. Im Landkreis Ahaus beschrieb der Vredener Kaplan Friedrich Tenhagen 1895 detailliert die Landwehr des Kirchspiels Vreden und 1897 die der Herrschaft Ahaus, für den Altkreis Borken verfasste Bernhard Hinsken auf Haus Engelrading in Marbeck 1906 eine Darstellung über die dortigen Landwehren. 1938 legte dann Karl Weerth eine Übersichtsdarstellung für ganz Westfalen vor, in der er den damaligen Kenntnisstand zusammenfasste und wichtige Anregungen gab. Der 1939 beginnende Zweite Weltkrieg und die Fülle der Nachkriegsgrabungen verhinderten aber vorläufig eine Weiterführung dieser Forschungen.

Aktuelle Forschungsprojekte
Seit einigen Jahren sind die Landwehren jedoch ein Arbeitsschwerpunkt der Altertumskommission für Westfalen. 2004 und 2014 wurden zwei wichtige Bücher zum Thema veröffentlicht und die Reihe „Landwehren in Westfalen“ aufgelegt, in der nach und nach die westfälischen Landwehren vorgestellt werden sollen. In Zusammenarbeit von Altertumskommission und „kult“ werden nun auch die Landwehren im Westmünsterland erforscht. Grundlagen dafür sind Geländebegehungen, Schriftquellen und alte Karten aber auch die Flurnamensammlung des Landeskundlichen Instituts im „kult“. Mit ersten Ergebnissen ist 2017 zu rechnen.

Dr. Volker Tschuschke ist Mitarbeiter im kult und leitet hauptverantwortlich den Bereich des Landeskundlichen Instituts.

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