Historischer Grenzstein von 1766. Foto: Kreis Borken
Grenzstein

Durch die Gläser einer Kulturbrille

Katja Büning ǀ 27.01.2016

Wer kennt sie nicht? Die „rosa-rote Brille“, die einem – beflügelt von Glücksgefühlen – die Welt blumiger erscheinen lässt, als sie es vielleicht in Wirklichkeit ist. Deutlich unbekannter, dafür häufiger getragen, ist die so genannte „Kulturbrille“, durch die ein jeder die Welt betrachtet. Unsere Kultur bestimmt unsere Wahrnehmung maßgeblich – insbesondere die Sicht auf andere Kulturen.


Eigenschaften und Vorurteile
Während der Münsterländer den Rheinländer oft als laut oder aufgekratzt erlebt, behauptet jener, der Münsterländer sei stur und gehe zum Lachen in den Keller. Zugesprochene Eigenschaften und Vorurteile sind subjektiv und hängen in den meisten Fällen von der Perspektive des Gegenübers ab.

Worin besteht ihre kulturelle Identität?
Hinzukommt, dass wir unsere „kulturelle Brille“ mit einer Selbstverständlichkeit tragen, dass es uns schwer fällt, Vorurteile zu erkennen oder die typischen Eigenschaften der eigenen regionalen Kultur benennen zu können. Was ist typisch für das Münsterland; was zeichnet die Menschen aus und was unterscheidet sie von anderen? Kurz: Worin besteht ihre kulturelle Identität?

Meine „westmünsterländische Kulturbrille“ durfte mich bereits auf verschiedene Stationen meines Lebens begleiten. Sie sorgte nicht selten während des Studiums im rheinischen Koblenz, im Ruhrgebiet, wo ich durch meinen Freund eine zweite Familie gefunden habe, oder an meinem jetzigen Wohnort in den Niederlanden, für befremdliche oder komische Situationen:

Es brauchte zu Beginn meines Studiums beispielsweise einige Zeit, bis ich verstand, dass es sich bei dem von meiner Nachbarin angebotenen „Döbbekooche“ nicht um ein süßes Gebäck handelt. Schwierigkeiten bereiteten mir zudem die Begrüßungsriten der „Püttis“: Küsschen links und rechts … Dann noch ein Drittes? Und beginnt man doch bei der rechten Wange? Für eine steife Westmünsterländerin wie mich war das keine einfache Angelegenheit.

Spannend ist außerdem die Wahrnehmung der Umwelt durch die Gläser anderer Kulturbrillen. Die Verwendung von Begriffen wie „Hottemax“, „Fietze“ und „Schlickeritzen“ sorgte schon mancherorts für fragende Blicke.

Über den „Brillenrand“ sehen!
Die Erfahrungen haben gezeigt: Grenzen sind fließend. So können sie künstlich gezogen sein oder nur in den Köpfen der Menschen existieren.

Bei meinen „Grenzüberschreitungen“ habe ich Unterschiede und Gemeinsamkeiten erfahren. Wir teilen mit unseren Nachbarn in den Niederlanden ebensolche kulturellen Eigenschaften, wie mit den Menschen der angrenzenden Bundesländer tun.

Eine „Kulturbrille“ ist hilfreich zur Orientierung und zur Strukturierung. Es lohnt sich der Blick über den „Brillenrand“, um eigene Stereotypen und Vorurteile zu hinterfragen, zu überdenken oder zu versuchen, Fremdes zu verstehen und zu akzeptieren. Er stärkt Toleranz und schärft die eigene kulturelle Identität, die sich stets dem Vergleich mit dem Anderen stellt.

Die Bedeutung der kulturellen Identität zeigt das wachsende Bedürfnis des (post-)modernen Menschen diese auszubilden. In einer heute globalisierten, schnell wachsenden und sich entwickelnden Gesellschaft kann sie Orientierung und Sicherheit bieten.

Vor diesem Hintergrund zeigt sich auch die große Bedeutung des „kult“, dessen Aufgabe unter anderem darin besteht, einen Beitrag zur regionalen Identität des Westmünsterlandes zu leisten.

 

Katja Büning aus Ahaus ist „Grenzgängerin“ zwischen dem Westmünsterland, dem Rheinland, dem Ruhrgebiet sowie den Niederlanden und hat das Kulturhistorische Zentrum Westmünsterland als Praktikantin kennengelernt.

 

 

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