Burgeingang in Vreden mit Inschrift. Foto: Archiv Heimatverein Vreden Nr. 914a, Foto Anton Esseling.
Burgeingang in Vreden
Graduale aus dem Stift Vreden mit dem Text der Aachener Karls-Sequenz. (Leihgabe der Kath. Pfarrgemeinde St. Georg Vreden) Foto: Kreis Borken.
Buch aus dem Stift Vreden

Karl der Große und Vreden


Dr. Volker Tschuschke│24.11.2016

Warum wird Karl der Große in Vreden verehrt?

Das ehemalige Stift Vreden führte seine Gründung zwar auf den Grafen Walbert im 9. Jahrhundert zurück,  berief sich aber anders als etwa das vor 947 von der Königin Mathilde gegründet Dionysiusstift in Enger nie auf Widukind, um seine Tradition hervorzuheben. Stattdessen bezog man sich auf seinen Widersacher, also auf den ersten abendländischen Kaiser Karl d. Großen.

Als die Stiftskirche in den Jahren 1714/1722 einen neuen barocken Hochaltar erhielt, wurden darauf die fast lebensgroßen Figuren von vier Heiligen aufgestellt, die allesamt eine besondere Beziehung zu Vreden hatten. Das waren der hl. Liudger († 809), dem der Altar in der Krypta geweiht war, in dem sich eine Reliquie des ersten Bischofs von Münster befand, der hl. Norbert von Xanten († 1134), Erzbischof von Magdeburg und Gründer des Prämonstratenserordens, der 1115 bei Vreden seine Bekehrung erlebt hatte, der hl. Papst Sixtus II. († 258), mit dem sich die Überlieferung verband, dass er zur Erinnerung an seinen Besuch in Vreden sein Messgewand, die Sixtus-Kasel, dagelassen habe, und eben Kaiser Karl d. Große.

Karl d. Große und die Burg in Vreden
Karl d. Großen wurde damals der Bau der Burg in Vreden zugeschrieben. Das bezeugt noch heute die zeitgenössische Inschrift über dem Eingang des 1699 an Stelle der alten Burg erbauten barocken Herrenhauses: „A magno Carolo sum structa sed a Renaldo 1337 destructa in summa annonae caritate resurgo 1699“, zu deutsch: Von Karl d. Großen bin ich erbaut, von Reinald aber 1337 zerstört erstehe ich wieder zur Zeit der höchsten Kornteuerung 1699.

Forschungsstand
Nun hat sich bei der Verzeichnung der Bibliothek des kult ein weiteres Zeugnis für diese Bezugnahme auf Karl d. Großen gefunden. Zu den Leihgaben der Kath. Pfarrgemeinde St. Georg zählt nämlich ein in die erste Hälfte des 17. Jahrhunderts datierendes Graduale. Diese liturgische Handschrift ist zweifelsfrei für das Stift Vreden geschrieben worden, denn sie enthält die Gesänge zum Fest der hl. Felicitas und ihrer sieben Söhne, also der Patrone der Stiftskirche, des hl. Sixtus und anderer im Stift verehrter Heiliger. Bemerkenswert ist, dass sich in diesem Codex unter der Überschrift „De S(ancto) Carolo“ – „vom heiligen Karl“ – auch der Text der berühmten Aachener Karls-Sequenz befindet: „Urbs aquensis urbs regalis regni sedes principalis prima regum curia. – O Stadt Aachen, du königliche Stadt, fürstlicher Sitz des Reiches, erster Hof der Könige.“

Karlsort – die Forschung bleibt spannend
Bemerkenswert ist das nicht nur, weil es damit einen weiteren Beleg dafür gibt, dass Vreden sich nicht als „Widukindstadt“, sondern als Karlsort sah. Bemerkenswert ist es außerdem, weil die mittelalterlichen liturgischen Bücher des Stiftes keine Gesänge und Gebet für die Feier des Karlsfestes enthalten, wohl aber ein 1742 vom Organisten der Pfarrkirche St. Georg geschriebenes Graduale. Damit stellt sich die Frage, woher das Stift sich den Text der Karls-Sequenz besorgte und warum es das tat. Interessant wäre ferner zu wissen, ob sich auch in anderen Orten mit einer Karlstradition, etwa in Schöppingen, dessen Kirche zu Beginn des 17. Jahrhunderts vielleicht im Zuge einer Auffrischung älterer Malereien 1610 mit einem Fresko Karls geschmückt wurde, Spuren einer liturgischen Verehrung des großen Kaisers nachweisen lassen. Hier bleibt der Forschung noch viel zu tun.


Dr. Volker Tschuschke ist Mitarbeiter im kult und leitet hauptverantwortlich den Bereich des Landeskundlichen Instituts.

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