Die in Winterswijk geborene Jüdin Johanna Reiss (Spitzname Annie) wurde im Zweiten Weltkrieg von niederländischen Bauern versteckt. Foto: Josef Barnekamp, Borkener Zeitung
Die in Winterswijk geborene Jüdin Johanna Reiss (Spitzname Annie)
Sarah Giese liest in der Öffentlichen Bücherei Vreden Passagen aus dem Buch „Und im Fenster der Himmel“. Foto: Michael Schürmann
Sarah Giese liest in der Öffentlichen Bücherei Vreden Passagen aus dem Buch „Und im Fenster der Himmel“
Die Besucherinnen und Besucher in Vreden lauschen gebannt ihren Worten. Foto: Michael Schürmann
Die Besucherinnen und Besucher in Vreden lauschen gebannt ihren Worten.
Johanna Reiss spricht vor 580 Schülerinnen und Schülern über ihre Erlebnisse. Im Hintergrund ist das Haus zu sehen in dem sie versteckt war. Foto: Nina Rockrohr, Kreis Borken
Johanna Reiss spricht vor 580 Schülerinnen und Schülern über ihre Erlebnisse.
5: Johanna Reiss im Vennehof Borken. Foto: Josef Barnekamp, Borkener Zeitung
5: Johanna Reiss im Vennehof Borken.
„Und im Fenster der Himmel“, dtv-Verlag, 2015
„Und im Fenster der Himmel“

„Mein einziges Verbrechen war es, in eine jüdische Familie geboren worden zu sein“

Eva Terbuyken ǀ 12.06.2015

Im Rahmen einer Lesereise zur Neuübersetzung ihres Buches „Und im Fenster der Himmel“ besuchte die Autorin und Zeitzeugin Johanna Reiss auch den Kreis Borken, um über Ihre Erlebnisse zu berichten und ihr Buch vorzustellen. Am Dienstag, 9. Juni 2015 lauschten rund 580 Schülerinnen und Schüler ihren Erzählungen im Vennehof in Borken. Am Abend zuvor fand bereits eine Lesung in der Öffentlichen Bücherei Vreden statt. Dort wurde die Autorin von der Schauspielerin Sarah Giese aus Münster begleitet. Lebendig moderiert wurde die Veranstaltung von Sixtina Harris. Sie hat sich für die Neuübersetzung des Buches eingesetzt.

„Sie waren gewöhnliche Menschen, die etwas sehr außergewöhnlich Gutes getan haben“
Johanna Reiss, 1932 in Winterswijk geboren, schreibt in ihrem Buch über ihre Erlebnisse als Jüdin während der Zeit des Zweiten Weltkrieges. Die damals 10-jährige Annie, so  ihr Spitzname, wurde zusammen mit ihrer älteren Schwester Sini bei einer Familie in Usselo, nahe Enschede von November 1942 bis zur Befreiung 1945 versteckt. Jene Familie lebte in einfachen Verhältnissen, doch tat sie alles für die zwei Mädchen aus Winterswijk, welche sie zuvor persönlich gar nicht kannten. Es wurde auch ein Versteck gebaut für den Fall, dass eine Hausdurchsuchung stattfand. Schnell hätten die beiden Mädchen in einer solchen Situation in einem von Johann gefertigten Hohlraum hinter der Schrankwand verschwinden können, um dort vor den deutschen Soldaten unentdeckt zu bleiben.

Ursprünglich schrieb Johanna Reiss das Buch für ihre zwei Töchter. Inzwischen hat sie es sich aber zur Aufgabe gemacht, als Zeitzeugin von ihren Erfahrungen zu berichten und die immense Wichtigkeit des Gedenkens an die Zeit des Holocaust zu betonen.

Johanna Reiss zieht alle in ihren Bann
Die jetzt 83-jährige ist aufgeweckt, lacht viel und erzählt beispielsweise Anekdoten von Johanns Flüchen. „Johann hat nicht nett gesprochen, aber nett gehandelt, und das ist worauf es wirklich ankommt.“ Die charismatische Frau zieht das Publikum in ihren Bann. Alle lauschten aufmerksam ihren Worten. Sie bringt Bilder mit, von früher. Die meisten wurden nach dem Krieg aufgenommen und auf einem ist ihr Versteck zu sehen: Der Schrank. Frau Reiss nahm sich viel Zeit für die Besucherinnen und Besucher der Veranstaltungen, es war ihr ein besonderes Anliegen alle Fragen beantworten zu können. Sie signierte Bücher und hat für die Schülerinnen und Schüler im Vorfeld ca. 600 Aufkleber handsigniert. Auch für Fotos und Selfies stand sie gerne zur Verfügung.

Zum Abschluss der Veranstaltungen hat sie einen kleinen Appell gehalten, indem sie die Leute dazu aufgerufen hat weltoffen, positiv und kritisch zu sein. Man solle den Menschen nach seinem Handeln beurteilen und nicht nach seinem Glauben, seiner Hautfarbe oder Herkunft. Schließlich hatte Johann, bei dem sie untergekommen waren, ihnen nach dem Krieg gesagt, sie sollen nicht mit Hass aus dem Krieg in die Welt gehen.

Infos:
Der dtv-Verlag hat das 1978 erstmals in deutscher Sprache erschienene Buch komplett neu übersetzt.
Die Veranstaltungen wurden in Kooperation der Stichting Kolle Kaal Winterswijk/Kolle Kaal Förderverein e.V. Borken mit dem Kreis Borken organisiert.

Für die Nutzung des Buches im Schulunterricht steht Material zur Verfügung. Beim Programm „Spurensuche“ können Schulklassen zudem wichtige Schauplätze aus dem Buch in Winterswijk besichtigen.


Eva Terbuyken studiert Niederlande-Deutschland-Studien am Zentrum für Niederlande-Studien der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster. Zur Zeit absolviert sie ihr 3-monatiges Praktikum im Kulturamt des Kreis Borken.

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